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Ärztestreik in Berlin – 30 % der Praxen sind geschlossen – Es lebe der Privatpatient!
Berlins Ärzte streiken. Das bedeutet, dass ein Drittel aller Praxen in der Woche vom 23. bis zum 27. Juni geschlossen haben werden. Die KV erwartet laut einem Bericht des Berliner Kuriers, das vor allem Fachärzte streiken werden.
Genau der Menschenschlag also, der sich zur Zeit sowieso eine goldene Nase verdient. Was haben die Ärzte nicht schon für Kohle gemacht mit unseren Wehwehchen, mit unseren Problemen und Ängsten! Und jetzt, wo die Müllabfuhr streikte, wo die Milchbauern ihre Milch wegkippen, haben sich auch die Damen und Herren im weißen Kittel gedacht: Das können wir auch!
Mal ernsthaft: Das sind größtenteils niedergelassene Privatärzte, die da streiken. Auf die trifft das Wort “Streik” eigentlich gar nicht zu. Weiterhin war bisher der “Arzt” so ziemlich das einzige Medium neben dem “Politiker”, von dem ich bisher dachte, dass ihm streiken gar nicht möglich wäre. Tja, da habe ich geirrt, wie es scheint. Meiner Meinung nach ist das Ganze eine bodenlose Frechheit.
[...mehr]Auszüge aus dem Tagebuch eines Unbekannten, der im Verlauf der Streiks im öffentlichen Dienst in Berlin (4. März 2008 – 11. Dezember 2012) verschwand. Das Letzte, was wir von ihm wissen, ist, dass er es im Frühjahr 2009 irgendwie geschafft hat, in einen S-Bahn-Waggon zu schlüpfen.
Mittwoch, 5. März 2008: “… Die Streiks beginnen. Das habe ich gemerkt, weil der Müll nicht abgeholt worden ist. Zum Glück schneit es wieder, und die Reste vom Spinatauflauf sind in der Mülltonne gefroren … sonst würden sich die Nachbarn noch beschweren…”
Mittwoch, 12. November 2008: “… Die Hermannstraße ist verstopft: Die Autos drängen sich in mehr Spuren, als vorgesehen sind, über die nasse Fahrbahn; dazwischen veranstalten kleine Kinder eine Schneeballschlacht. Die Streiks dauern nun schon mehrere Monate. Heute Nacht bin ich schweißgebadet aufgewacht, weil ich vergessen hatte, in welche Richtung ich die U-Bahn nehmen müsste, wenn sie denn käme … Ich habe es vergessen. Weiß auch gar nicht mehr, was in der Welt passiert, mangels U-Bahn-TV. Eine fluchende Horde arbeitswütiger Menschen sammelt sich allmorgendlich vor der versperrten U-Bahn-Station, schickt, die Fäuste emporgereckt, manche Verwünschungen gen Himmel, und treibt schließlich, mordend und brandschatzend (bis jetzt noch im Geiste) in Richtung S-Bahn-Station…”
Freitag, 5. Dezember 2008: “… Ich fasse es nicht! … Mein Schlittenhund ist verschwunden! Ich habe Olivier im Verdacht, ihn entführt zu haben. Wie soll ich jemals wieder ins Schuhgeschäft kommen? … Werde versuchen, den Dackel vor den Schlitten zu spannen …”
Dienstag, 30. Dezember 2008:”… Dort angekommen, müssen die so bitter Enttäuschten feststellen, dass auch hier nicht viel zu holen ist: Jeder S-Bahn-Wagen ist heillos überfüllt, sodass nicht nur niemand einsteigen kann – die Insassen kommen auch nicht mehr raus. Kurzum, sämtliche Berliner S-Bahnen sind dazu verdammt, wochenlang im Kreis zu fahren mit den immergleichen, heulenden Passagieren, die so eingequetscht sind, dass an ein Verlassen der Bahnwaggons nicht zu denken ist. Niemand erreicht seinen Arbeitsplatz…”
Mittwoch, 14. Januar 2009: “… Ich habe begonnen, einen Roman zu schreiben: Science-Fiction, über ein Land, in dem die öffentlichen Verkehrsmittel so gut organisiert sind, dass man jederzeit überallhin gelangen kann … Ich nenne ihn “Bustopia” …”
Dienstag, 17. Februar 2009:”… Einziger Lichtblick eines Streikmorgens in Berlin: Die Bäckereien. Manch Einer aus dem tobenden Mob (siehe oben) wird, wenn ihm aus der leicht offenstehenden Tür einer Bäckerei der Duft frischgebrühten Kaffees und warmer Brötchen entgegenweht, schwach, tritt aus der Menge heraus und schlägt sich durch bis ins nächste Stehcafé, wo er beschließt, den Tag mit der größtmöglichen Gelassenheit zu beginnen. Womöglich die einzig vernünftige Möglichkeit, der Situation zu begegnen…”
Die Identität des Verfassers ist bis heute nicht geklärt.
Das Kräftemessen der Gewerkschaften des Öffentlichen Dienstes, vertreten durch Ver.di, und Arbeitgebern erreicht mit den heute und morgen einsetzenden Streiks seinen vorläufigen Höhepunkt.
Bekanntlich wird nicht nur in Berlin, sondern in elf Bundesländern gestreikt – in der Hauptstadt setzen heute bereits Stadtreinigung, Wasser- und Schifffahrtsämter ihre Arbeit aus; ab morgen werden der öffentliche Nahverkehr (also die BVG), Kitas und Krankenhäuser bestreikt.
Die Streiks könnten laut Ver.di bis Freitag nächster Woche andauern. Von Seiten der Politik werden die Gewerkschaften für den harten Konfrontationskurs kritisiert; gleichzeitig machen die Arbeitgeber klar, dass die Kommunen mit einer Streiksituation durchaus zurechtkommen könnten. Thomas Böhme, Verhandlungsführer der Kommunen, erklärte der “Financial Times Deutschland” lakonisch: “Primär sind die Bürger betroffen.” Insgesamt würden die Kommunen sogar Geld sparen, da sie während der Streiks keine Gehälter zu zahlen bräuchten.
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